Kaffee bei Hashimoto: Wie gut vertragen sich Kaffee, Koffein und Schilddrüse?

Verfasst von:

Michael Ayed

Veröffentlicht am:

Zuletzt aktualisiert am:

Darf man bei Hashimoto Kaffee trinken? Oder kann Kaffee die Schilddrüse, den Autoimmunprozess oder die Wirkung der Schilddrüsenhormone beeinträchtigen?

Die Antworten darauf fallen erstaunlich unterschiedlich aus. Während Kaffee auf manchen Seiten beinahe wie ein zusätzlicher Trigger der Erkrankung dargestellt wird, verweisen andere auf Studien, in denen regelmäßiger Kaffeekonsum mit verschiedenen gesundheitlichen Vorteilen verbunden war.

Die wissenschaftliche Einordnung liegt dazwischen: Hashimoto allein ist kein Grund, grundsätzlich auf Kaffee zu verzichten. Trotzdem kann Kaffee für einzelne Betroffene durchaus problematisch sein.

Besonders relevant ist der zeitliche Abstand zu Levothyroxin beziehungsweise L-Thyroxin. Hinzu kommen mögliche Auswirkungen des Koffeins auf Schlaf, Nervosität, Stressreaktion und Kreislauf sowie die Wirkung des Kaffees auf Magen, Darm und Eisenaufnahme.

Und dann gibt es noch die persönliche Verträglichkeit. Sie kann sich von Mensch zu Mensch erheblich unterscheiden.

Ich selbst vertrage Kaffee meistens nicht besonders gut, auch wenn sich das über die Jahre etwas verbessert hat. Gerade deshalb ist mir eine differenzierte Betrachtung wichtig: Meine Erfahrung ist real und für mich relevant. Sie ist aber keine allgemeine Regel für jeden Menschen mit Hashimoto.

Darf man mit Hashimoto Kaffee trinken?

Grundsätzlich ja.

Es gibt derzeit keinen überzeugenden Beleg dafür, dass üblicher Kaffeekonsum Hashimoto verursacht oder die Schilddrüse bei jedem Betroffenen direkt schädigt. Eine Auswertung von Daten aus der amerikanischen NHANES-Erhebung untersuchte 6.578 Erwachsene und fand keinen Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und einem höheren Risiko für eine manifeste Schilddrüsenunterfunktion oder -überfunktion. Bei zwei bis vier Tassen täglich war der TSH-Wert im Durchschnitt etwas niedriger, ohne dass sich signifikante Unterschiede bei fT4, fT3, Gesamt-T4 oder Gesamt-T3 zeigten.[1]

Diese Ergebnisse beweisen allerdings nicht, dass Kaffee die Schilddrüse schützt. Die Untersuchung war größtenteils beobachtend, und der Kaffeekonsum wurde anhand weniger Ernährungserhebungen geschätzt. Zudem konnte nicht zuverlässig zwischen koffeinhaltigem und entkoffeiniertem Kaffee unterschieden werden.[1]

Speziell zur Frage, ob Kaffee den Autoimmunprozess bei Hashimoto beeinflusst, gibt es bislang nur wenige belastbare Daten. Deshalb wäre sowohl ein generelles Kaffeeverbot als auch die Behauptung, Kaffee sei besonders günstig für Hashimoto, wissenschaftlich zu weitgehend.

Kaffee bei Hashimoto: mögliche Vorteile und Nachteile

Was für Kaffee sprechen kannWas gegen Kaffee sprechen kann
mehr Wachheit und Aufmerksamkeitschlechterer Schlaf
Genuss und festes AlltagsritualNervosität, Zittern oder Herzklopfen
Polyphenole und andere bioaktive PflanzenstoffeMagenbeschwerden, Sodbrennen oder Reflux
in Beobachtungsstudien häufig günstige Gesundheitszusammenhängekurzfristige Veränderungen von Blutdruck und Glukosestoffwechsel
entkoffeinierter Kaffee als AlternativeBeeinträchtigung der Levothyroxin-Aufnahme
für viele Menschen gute Verträglichkeitbei einzelnen Menschen ausgeprägte Unverträglichkeit

Ein großer Umbrella-Review, der mehr als 200 Meta-Analysen zusammenfasste, fand bei Kaffeekonsum häufiger günstige als ungünstige Zusammenhänge. Dazu gehörten unter anderem die Gesamtsterblichkeit sowie verschiedene Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und Lebererkrankungen. Da der überwiegende Teil der Daten aus Beobachtungsstudien stammt, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten, dass Kaffee diese Erkrankungen verhindert.[4]

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:

Ist Kaffee gesund oder ungesund?

Sondern:

Welche Wirkung ist gut belegt – und wie reagiere ich persönlich darauf?

Kaffee und Schilddrüse: Schadet Kaffee bei Hashimoto?

Dass Koffein in bestimmte hormonelle Regelkreise eingreifen kann, ist grundsätzlich plausibel. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass eine Tasse Kaffee die Schilddrüse bei Hashimoto schwächt.

In der NHANES-Auswertung waren zwei bis vier Tassen Kaffee täglich zwar mit etwas niedrigeren TSH-Werten verbunden. Die übrigen gemessenen Schilddrüsenwerte unterschieden sich jedoch nicht signifikant. Auch die ergänzende Mendelian-Randomization-Analyse zeigte keinen klaren kausalen Zusammenhang mit manifester Hypothyreose oder Hyperthyreose.[1]

Ältere experimentelle Untersuchungen, in denen Koffein die TSH-Ausschüttung beeinflusste, können interessant sein. Ergebnisse aus Tierstudien oder Untersuchungen mit isoliertem und teilweise hoch dosiertem Koffein lassen sich aber nicht ohne Weiteres auf den normalen Kaffeekonsum eines Menschen mit Hashimoto übertragen.

Offen bleibt, ob Kaffee bei bestimmten Untergruppen, in bestimmten Erkrankungsphasen oder bei sehr hohem Konsum anders wirkt. Diese Fragen sind bislang nicht ausreichend untersucht.

Wichtig ist deshalb die Trennung:

Ein Getränk kann das persönliche Befinden beeinflussen, ohne nachweislich den Autoimmunprozess auszulösen oder zu verstärken.

Kaffee und L-Thyroxin: Hier ist der Abstand wirklich wichtig

Der am besten belegte Zusammenhang betrifft nicht den Hashimoto-Autoimmunprozess, sondern die Aufnahme von Levothyroxin.

Kaffee kann die Aufnahme von Levothyroxin-Tabletten vermindern und verzögern.

In der klassischen Untersuchung von Benvenga und Kollegen fiel der Anstieg des T4-Spiegels deutlich geringer aus, wenn Levothyroxin zusammen mit Kaffee eingenommen wurde. Zudem wurde der maximale T4-Spiegel später erreicht. Wurde der Kaffee erst 60 Minuten nach der Tablette getrunken, war diese Beeinträchtigung nicht in gleicher Weise erkennbar.[2][3]

Die Leitlinie der European Thyroid Association von 2025 empfiehlt deshalb zwischen Levothyroxin und Espresso beziehungsweise Filterkaffee einen Abstand von mindestens einer Stunde.[2] Die Tablette sollte möglichst unter gleichbleibenden Bedingungen eingenommen werden – entweder morgens nüchtern oder, als mögliche Alternative, abends mit ausreichendem Abstand zur letzten Mahlzeit.

Das bedeutet nicht, dass jeder Kaffee die gesamte Wirkung der Tablette aufhebt. Problematisch können vor allem wechselnde Bedingungen werden: an einem Tag Kaffee direkt nach der Einnahme, am nächsten Tag erst zwei Stunden später und am dritten Tag zusammen mit Frühstück und Milch.

Solche Unterschiede können die aufgenommene Hormonmenge verändern und damit auch die Vergleichbarkeit von Laborwerten erschweren.

Ist dabei nur das Koffein das Problem?

Wahrscheinlich nicht. Als möglicher Mechanismus wird unter anderem diskutiert, dass Bestandteile des Kaffees Levothyroxin binden beziehungsweise im Verdauungstrakt zurückhalten. Die Wechselwirkung lässt sich daher nicht allein auf die stimulierende Wirkung des Koffeins reduzieren.[2][3]

Genau deshalb ist auch bei entkoffeiniertem Kaffee etwas Vorsicht mit vorschnellen Schlussfolgerungen angebracht.

Kaffee ist nicht dasselbe wie Koffein

Viele widersprüchliche Aussagen entstehen, weil Kaffee und Koffein gleichgesetzt werden.

Koffein ist ein pharmakologisch wirksames Stimulans. Kaffee ist dagegen ein komplexes Getränk, das neben Koffein zahlreiche weitere Bestandteile enthält – darunter Chlorogensäuren, Polyphenole und verschiedene Röstprodukte.

Eine Untersuchung mit isoliertem Koffein beantwortet deshalb nicht automatisch die Frage, wie sich regelmäßiger Kaffeekonsum langfristig auswirkt.

Ein gutes Beispiel ist der Glukosestoffwechsel: Kurzfristige Untersuchungen zeigen, dass koffeinhaltiger Kaffee die Glukosereaktion nach einer Mahlzeit ungünstig beeinflussen kann. In länger dauernden Studien und epidemiologischen Untersuchungen ist regelmäßiger Kaffeekonsum dagegen eher mit einem niedrigeren Risiko für Typ-2-Diabetes verbunden.[5][11]

Auch die wissenschaftliche Stellungnahme der American Heart Association aus dem Juli 2026 betont, dass sich die Effekte von Kaffee nicht vollständig von denen des Koffeins trennen lassen. Zusätzlich reagieren Menschen aufgrund von Gewöhnung, Alter, Begleiterkrankungen und genetischen Unterschieden im Koffeinstoffwechsel sehr verschieden.[5]

Das erklärt, warum eine kurzfristige physiologische Wirkung nicht automatisch mit den langfristigen gesundheitlichen Zusammenhängen von Kaffee übereinstimmen muss.

Wann Kaffee trotzdem zum Problem werden kann

Auch wenn Kaffee Hashimoto nicht grundsätzlich verschlechtert, kann er Beschwerden auslösen oder verstärken.

Schlaf: Oft wichtiger als die direkte Schilddrüsenwirkung

Koffein kann den Schlaf noch viele Stunden nach dem Trinken beeinflussen.

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von 24 Studien kam zu dem Ergebnis, dass Koffein die gesamte Schlafdauer im Durchschnitt um etwa 45 Minuten reduzierte. Zudem verlängerte sich die Einschlafzeit, die Schlafeffizienz nahm ab und der Anteil des Tiefschlafs verringerte sich.[6]

Wie stark sich das im Alltag bemerkbar macht, hängt von der Dosis, dem Zeitpunkt, der Gewöhnung und dem individuellen Koffeinabbau ab.

Für Menschen mit Hashimoto ist dieser Zusammenhang nicht deshalb interessant, weil schlechter Schlaf nachweislich den Autoimmunprozess antreibt. Er ist relevant, weil Schlafmangel Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Stimmung und Belastbarkeit erheblich beeinflussen kann.

Wer tagsüber Kaffee braucht, um eine schlechte Nacht auszugleichen, kann außerdem in einen Kreislauf geraten: mehr Koffein am Tag, weniger erholsamer Schlaf in der Nacht und am nächsten Morgen ein noch stärkeres Bedürfnis nach Kaffee.

Nervosität, Unruhe und Herzklopfen

Manche Menschen empfinden die stimulierende Wirkung von Koffein als angenehm. Andere reagieren mit Unruhe, Zittern, Herzklopfen oder dem Gefühl, innerlich überdreht zu sein.

Eine Meta-Analyse von acht Veröffentlichungen mit insgesamt 546 gesunden Teilnehmern fand nach Koffeineinnahme eine Zunahme von Angstsymptomen. Der Effekt war bei höheren Dosierungen – insbesondere oberhalb von 400 Milligramm – deutlich ausgeprägter.[7]

Das bedeutet nicht, dass jede Tasse Kaffee Angst auslöst. Es bestätigt aber, dass Menschen sehr unterschiedlich reagieren und höhere Dosierungen problematischer sein können.

Eine starre Empfehlung wie „Zwei Tassen sind bei Hashimoto immer in Ordnung“ wäre deshalb wenig hilfreich. Für den einen sind zwei Tassen kaum spürbar. Für einen anderen ist bereits ein starker Kaffee zu viel.

Blutdruck und Kreislauf

Koffein kann den Blutdruck und die Aktivität des sympathischen Nervensystems kurzfristig erhöhen. Bei regelmäßigem Konsum entwickelt sich häufig eine gewisse Gewöhnung, aber auch hier bestehen deutliche individuelle Unterschiede.

Die aktuelle Stellungnahme der American Heart Association bewertet moderaten Kaffeekonsum für die meisten Erwachsenen insgesamt nicht als grundsätzlich herzschädlich. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass Reaktionen auf Koffein stark variieren und dass Ergebnisse zu normalem Kaffee nicht auf hoch dosiertes Koffein oder Energy-Drinks übertragen werden sollten.[5]

Kaffee, Cortisol und Stressachse: Warum die Reaktion sich verändern kann

Koffein kann die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse – kurz HPA-Achse – beeinflussen und zunächst die Cortisolausschüttung erhöhen.

Bei regelmäßigem Koffeinkonsum kann sich diese Reaktion jedoch verändern.

In einer kontrollierten Untersuchung von Lovallo und Kollegen führte Koffein nach einer Phase der Abstinenz zu einem deutlichen Cortisolanstieg. Nach mehreren Tagen regelmäßiger Einnahme war die Cortisolreaktion auf die erste morgendliche Dosis stark abgeschwächt, während spätere Dosen weiterhin einen Anstieg auslösen konnten. Die Forscher beschrieben dies als partielle Anpassung beziehungsweise Toleranz der Stressachse.[8]

Der Begriff Nebennierenschwäche wird in diesem Zusammenhang sehr unterschiedlich verwendet. Manche Menschen beschreiben damit ein Gefühl, bei dem eine anfängliche Überstimulation später in Erschöpfung, niedrigen Antrieb oder eine veränderte Belastbarkeit übergeht.

Wissenschaftlich lässt sich dieses gesamte Beschwerdebild bislang nicht auf einen einzigen Mechanismus reduzieren. Gut belegt ist jedoch, dass Koffein die HPA-Achse beeinflussen kann und dass sich die hormonelle Reaktion bei regelmäßigem Konsum verändert.[8]

Das lässt Raum für persönliche Beobachtungen, ohne bereits festzulegen, wodurch sie genau verursacht werden.

Meine persönliche Erfahrung mit Kaffee und Cortisol

Bei mir zeigt sich nach längerem oder stärkerem Kaffeekonsum immer wieder ein ähnliches Muster.

Anfangs vertrage ich Kaffee oft noch relativ gut. Wenn ich ihn über längere Zeit oder in größeren Mengen trinke, habe ich jedoch das Gefühl, dass mein Körper die Stimulation irgendwann nicht mehr gut ausgleicht.

Auffällig ist für mich dann vor allem:

Mein Puls fällt deutlich ab und gleichzeitig vertrage ich meine Schilddrüsenhormone subjektiv plötzlich schlechter. In solchen Phasen habe ich mehrfach Cortisol-Tagesprofile über Speicheltests durchführen lassen. Die gemessenen Cortisolwerte lagen während dieser Kaffeephasen wiederholt deutlich niedriger.

Wenn ich den Kaffee weglasse, dauert es nach meiner Erfahrung einige Tage, bis sich dieser Zustand wieder normalisiert.

Ich habe das früher damit beschrieben, dass meine „Nebennieren schlappmachen“. Heute würde ich den Begriff offener verwenden: Er beschreibt für mich zunächst eine wiederholt beobachtete Reaktion meines Körpers. Ob dahinter eine Anpassung der Stressachse, die Koffeinwirkung, Veränderungen im Schlaf, Kreislaufeffekte oder mehrere Faktoren zusammenstehen, lässt sich aus meinen Beobachtungen und Speichelprofilen allein nicht ableiten.

Die Erfahrung ist für mich trotzdem wichtig. Sie zeigt zugleich, warum persönliche Verträglichkeit und wissenschaftlich bewiesener Mechanismus nicht dasselbe sind.

Kaffee, Magensäure, Reflux und Darm

Kaffee wirkt nicht nur auf das Nervensystem, sondern auch auf den Verdauungstrakt.

Ein wissenschaftlicher Review beschreibt unter anderem Einflüsse auf die Gastrin- und Magensäuresekretion, die Gallenblase, die Bauchspeicheldrüse und die Darmmotilität.[9]

Das erklärt, warum manche Menschen nach Kaffee schnell zur Toilette müssen. Eine angeregte Darmbewegung ist aber nicht automatisch eine Schädigung des Darms.

Auch bei Magensäure, Sodbrennen und Reflux unterscheiden sich die Reaktionen deutlich. Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse untersuchte den Zusammenhang zwischen Kaffee und gastroösophagealer Refluxkrankheit. Insgesamt zeigte sich ein Zusammenhang, die Ergebnisse der einzelnen Studien waren jedoch heterogen.[10]

Kaffee verursacht daher nicht bei jedem Menschen Reflux. Wer allerdings wiederholt nach dem Trinken Beschwerden bekommt, hat einen nachvollziehbaren Grund, die Menge, die Zubereitung oder den Zeitpunkt zu verändern.

Meine Erfahrung mit Kaffee und Magensäure

Bei mir macht sich Kaffee im Magen oft sehr deutlich bemerkbar.

Wenn ich ihn über längere Zeit oder in größeren Mengen trinke, steigt die Magensäure für mich spürbar an. Das kann unangenehm werden und ist einer der Gründe, weshalb ich meinen Kaffeekonsum immer wieder reduziere oder ganz unterbreche.

Diese Reaktion lässt sich einfacher und direkter beobachten als viele theoretische Zusammenhänge: Beschwerden treten unter Kaffee auf, nehmen bei stärkerem Konsum zu und bessern sich wieder, wenn ich ihn weglasse.

Andere Menschen können Kaffee trotzdem ohne vergleichbare Probleme vertragen.

Blutzucker und Insulin: Kurzfristig und langfristig nicht dasselbe

Koffein kann die kurzfristige Glukoseverarbeitung beeinflussen.

Eine systematische Übersichtsarbeit klinischer Studien fand, dass koffeinhaltiger Kaffee in kurzfristigen Untersuchungen die Glukosereaktion nach einer Mahlzeit erhöhen konnte. In länger dauernden Untersuchungen ergab sich dagegen kein einheitlich ungünstiges Bild.[11]

Gleichzeitig ist regelmäßiger Kaffeekonsum in großen Beobachtungsstudien eher mit einem niedrigeren Risiko für Typ-2-Diabetes verbunden.[4][5]

Das wirkt zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht zwingend.

Eine akute Koffeinreaktion sagt nicht automatisch voraus, wie sich jahrelanger Kaffeekonsum auswirkt. Kaffee enthält weitere bioaktive Stoffe, und der Körper passt sich bei regelmäßigem Konsum an das Koffein an. Außerdem können Beobachtungsstudien nicht alle Unterschiede zwischen Kaffee- und Nichtkaffeetrinkern vollständig erfassen.

Deshalb lässt sich weder pauschal sagen:

Kaffee verursacht Insulinresistenz.

Noch:

Kaffee schützt sicher vor Diabetes.

Fördert Kaffee Entzündungen?

Die pauschale Aussage, Kaffee fördere chronische Entzündungen und sei deshalb bei Hashimoto grundsätzlich ungünstig, wird durch die bisherige Forschung nicht gestützt.

Ein systematischer Review klinischer Studien kam zu dem Ergebnis, dass Kaffee häufiger mit antiinflammatorischen als mit proinflammatorischen Veränderungen verbunden war. Die Ergebnisse zu isoliertem Koffein waren uneinheitlicher.[12]

Eine weitere systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 fand einen inversen Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und dem Entzündungsmarker CRP. Da ein großer Teil dieser Daten beobachtend ist, beweist auch das keine entzündungshemmende Wirkung des Kaffees.[13]

Die faire Einordnung lautet deshalb:

Es gibt keine gute Grundlage, Kaffee generell als entzündungsförderndes Lebensmittel bei Hashimoto darzustellen. Gleichzeitig ist Kaffee auch keine Behandlung gegen die Autoimmunerkrankung.

Kaffee und Eisen: Der Zeitpunkt kann entscheidend sein

Kaffee kann die Aufnahme von Nicht-Häm-Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln und Mischmahlzeiten deutlich vermindern.

In einer Humanstudie reduzierte eine Tasse Kaffee die Eisenaufnahme aus einer Hamburgermahlzeit um 39 Prozent. Der Effekt war besonders relevant, wenn Kaffee zusammen mit oder kurz nach der Mahlzeit getrunken wurde.[14]

Daraus folgt nicht, dass jeder Kaffeetrinker einen Eisenmangel entwickelt.

Wer jedoch bereits niedrige Ferritinwerte hat, nur wenig Eisen aufnimmt oder einen großen Teil seines Eisens aus pflanzlichen Quellen bezieht, sollte Kaffee nicht unbedingt direkt zu den eisenhaltigen Mahlzeiten trinken.

Der Abstand ist in diesem Fall häufig sinnvoller als ein vollständiger Verzicht.

Für die verbreitete Behauptung, normaler Kaffeekonsum verursache automatisch einen klinisch relevanten Magnesiummangel, ist die Datenlage deutlich schwächer. Deshalb braucht dieses Thema keinen eigenen großen Abschnitt.

Entkoffeinierter Kaffee bei Hashimoto: eine bessere Alternative?

Entkoffeinierter Kaffee kann sinnvoll sein, wenn hauptsächlich die stimulierende Koffeinwirkung Probleme bereitet.

Das betrifft beispielsweise:

  • innere Unruhe,
  • Herzklopfen,
  • Schlafprobleme,
  • Zittern,
  • oder das Gefühl, nach Kaffee zu stark angeregt zu sein.

Bei Magenbeschwerden muss Decaf dagegen nicht automatisch besser funktionieren. Kaffee enthält zahlreiche weitere Stoffe, die den Verdauungstrakt beeinflussen können.

Auch bei Levothyroxin sollte man nicht davon ausgehen, dass entkoffeinierter Kaffee direkt nach der Tablette sicher unproblematisch ist. Die entscheidenden Untersuchungen und die ETA-Leitlinie beziehen sich auf Kaffee allgemein beziehungsweise auf Espresso und Filterkaffee. Entkoffeinierter Kaffee wurde nicht ausreichend separat untersucht.[2][3]

Eine vernünftige praktische Lösung ist deshalb:

Decaf kann das Koffeinproblem reduzieren. Den Abstand zu Levothyroxin würde ich trotzdem beibehalten.

Matcha, grüner Tee und schwarzer Tee: besser als Kaffee?

Matcha, grüner Tee und schwarzer Tee enthalten ebenfalls Koffein. Die Menge unterscheidet sich je nach Teesorte, Zubereitung und Portionsgröße.

Manche Menschen empfinden Tee trotzdem als angenehmer als Kaffee. Das kann an der geringeren Koffeinmenge, der langsameren Aufnahme oder anderen Bestandteilen des Tees liegen.

Bei Levothyroxin ist Tee jedoch nicht automatisch unproblematisch.

In einer kleinen Studie mit 37 Patienten waren sowohl Kaffee als auch Tee innerhalb einer Stunde nach der Tabletteneinnahme mit einer schlechteren LT4-Aufnahme verbunden. Nachdem die Getränke zeitlich weiter von der Einnahme getrennt wurden, sanken die zuvor erhöhten TSH-Werte.[15]

Die Studie war klein und untersuchte gezielt Patienten mit Verdacht auf eine Aufnahmebeeinträchtigung. Sie ist deshalb kein Beweis dafür, dass jeder Tee bei jedem Menschen denselben Effekt auslöst. Für die Praxis spricht sie dennoch dafür, auch bei Matcha, grünem oder schwarzem Tee auf einen ausreichenden Abstand zu achten.

Einen besonderen schilddrüsenstärkenden Effekt dieser Getränke würde ich aus der bisherigen Forschung nicht ableiten.

Wann ich Kaffee testweise reduzieren würde

Es gibt keinen guten Grund, jedem Menschen mit Hashimoto vorsorglich den Kaffee zu verbieten.

Eine zeitweise Reduktion oder eine kaffeefreie Phase kann jedoch sinnvoll sein, wenn

  • nach Kaffee regelmäßig Unruhe, Zittern oder Herzklopfen auftreten,
  • der Schlaf schlechter wird,
  • Sodbrennen, Magendruck oder andere Verdauungsbeschwerden zunehmen,
  • der Kaffee kaum zeitlich von Levothyroxin getrennt werden kann,
  • niedrige Eisenwerte vorliegen und Kaffee regelmäßig direkt zu den Mahlzeiten getrunken wird,
  • immer größere Mengen nötig werden, um sich überhaupt leistungsfähig zu fühlen,
  • oder sich bestimmte Beschwerden ohne Kaffee reproduzierbar bessern.

Das ist keine allgemeine Hashimoto-Therapie. Es ist ein persönlicher Verträglichkeitstest.

Dabei hilft es, nicht fünf Dinge gleichzeitig zu verändern. Wer Kaffee weglässt, gleichzeitig die Ernährung umstellt, Medikamente verändert und neue Nahrungsergänzungen beginnt, kann später kaum noch erkennen, was welchen Einfluss hatte.

Starke Kaffeetrinker können die Menge schrittweise reduzieren. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme sind bekannte Erscheinungen eines Koffeinentzugs.[16]

Mein Fazit nach vielen Jahren mit Hashimoto

Ich würde heute nicht mehr behaupten, dass Menschen mit Hashimoto grundsätzlich keinen Kaffee trinken sollten.

Dafür ist die Studienlage zu uneindeutig, und es gibt keinen überzeugenden Beleg dafür, dass moderater Kaffeekonsum die Schilddrüse oder den Autoimmunprozess bei jedem Betroffenen verschlechtert.

Gleichzeitig sehe ich mehrere gute Gründe, Kaffee nicht unkritisch zu betrachten:

Er kann die Aufnahme von Levothyroxin beeinträchtigen, den Schlaf stören, Unruhe oder Herzklopfen verstärken, den Magen belasten und die Eisenaufnahme aus Mahlzeiten reduzieren.

Für mich persönlich bleibt Kaffee ein Getränk, mit dem ich vorsichtig umgehen muss. Die wiederkehrenden Veränderungen von Magensäure, Puls, subjektiver Hormonverträglichkeit und meinen Cortisol-Tagesprofilen sind deutlich genug, dass ich sie ernst nehme.

Ich weiß aber auch: Meine Erfahrung beweist nicht, dass jeder Mensch mit Hashimoto genauso reagiert.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus diesem Thema:

Nicht jede Beschwerde automatisch Hashimoto zuschreiben – aber die eigene Reaktion auch nicht ignorieren, nur weil Kaffee in großen Studien insgesamt relativ gut abschneidet.

Eine chronische Erkrankung bringt manchmal eine Form aufgezwungener Achtsamkeit mit sich. Beim Kaffee kann es sehr hilfreich sein, genauer hinzusehen: Wie viel trinke ich? Zu welcher Uhrzeit? Mit welchem Abstand zu meinen Schilddrüsenhormonen? Und wie geht es mir tatsächlich damit?

Häufig gestellte Fragen

Darf man bei Hashimoto Kaffee trinken?

Ja. Hashimoto allein ist kein Grund für ein generelles Kaffeeverbot. Relevant sind vor allem die persönliche Verträglichkeit und – bei Einnahme von Levothyroxin – der zeitliche Abstand zwischen Tablette und Kaffee.[1][2]

Wie lange sollte zwischen L-Thyroxin und Kaffee liegen?

Die European Thyroid Association empfiehlt mindestens eine Stunde Abstand zwischen Levothyroxin und Espresso beziehungsweise Filterkaffee.[2]
Entscheidend sind möglichst gleichbleibende Einnahmebedingungen. Wer seinen gewohnten Ablauf grundlegend verändert, sollte bedenken, dass sich dadurch auch die aufgenommene Hormonmenge verändern kann.

Ist entkoffeinierter Kaffee bei Hashimoto besser?

Bei koffeinbedingten Problemen wie Unruhe oder schlechtem Schlaf kann entkoffeinierter Kaffee eine gute Alternative sein.
Für Magenbeschwerden gilt das nicht automatisch. Auch ist nicht ausreichend untersucht, ob Decaf die Aufnahme von Levothyroxin genauso beeinflusst wie normaler Kaffee. Den üblichen Abstand zur Tablette würde ich deshalb beibehalten.

Beeinflusst Kaffee den TSH-Wert?

In einer großen Beobachtungsstudie waren zwei bis vier Tassen Kaffee täglich mit etwas niedrigeren TSH-Werten verbunden. fT4, fT3, Gesamt-T4 und Gesamt-T3 unterschieden sich jedoch nicht signifikant. Ein erhöhtes Risiko für manifeste Hypothyreose oder Hyperthyreose wurde nicht gefunden.[1]
Daraus lässt sich weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung der Schilddrüsenfunktion ableiten.

Ist Matcha bei Hashimoto besser als Kaffee?

Das hängt von der persönlichen Verträglichkeit ab.
Matcha enthält ebenfalls Koffein. Manche Menschen empfinden ihn als angenehmer, andere reagieren ähnlich wie auf Kaffee. Auch Tee sollte nicht direkt zusammen mit Levothyroxin getrunken werden.[2][15]

Darf ich vor der Schilddrüsen-Blutabnahme Kaffee trinken?

Für Verlaufskontrollen sind möglichst vergleichbare Bedingungen sinnvoll.
Besonders relevant kann der Zeitpunkt der Levothyroxin-Einnahme sein: Nach einer Tablette steigen Gesamt-T4 und fT4 vorübergehend an. In einer Untersuchung blieben die Werte mehrere Stunden erhöht.[17]
Ob die Tablette vor oder nach der Blutabnahme genommen werden soll, wird in Praxen unterschiedlich gehandhabt. Wichtig ist vor allem, bei aufeinanderfolgenden Kontrollen möglichst gleich vorzugehen und den Einnahmezeitpunkt anzugeben.
Wenn das Labor wegen weiterer Blutwerte eine nüchterne Blutabnahme verlangt, gehört Kaffee in der Regel nicht zu den erlaubten Getränken.

Quellen

[1] Zhao G, Wang Z, Ji J, Cui R. – Effect of coffee consumption on thyroid function: NHANES 2007–2012 and Mendelian randomization. Frontiers in Endocrinology, 2023.

[2] Centanni M et al. – ETA guidelines for the use of levothyroxine sodium preparations in monotherapy to optimize the treatment of hypothyroidism. European Thyroid Journal, 2025.

[3] Benvenga S et al. – Altered intestinal absorption of L-thyroxine caused by coffee. Thyroid, 2008.

[4] Poole R et al. – Coffee consumption and health: umbrella review of meta-analyses of multiple health outcomes. BMJ, 2017.

[5] Marcus GM et al. – Caffeine and Cardiovascular Disease: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation, 2026.

[6] Gardiner C et al. – The effect of caffeine on subsequent sleep: A systematic review and meta-analysis. Sleep Medicine Reviews, 2023.

[7] Liu C et al. – Caffeine intake and anxiety: a meta-analysis. Frontiers in Psychology, 2024.

[8] Lovallo WR et al. – Caffeine stimulation of cortisol secretion across the waking hours in relation to caffeine intake levels. Psychosomatic Medicine, 2005.

[9] Nehlig A. – Effects of Coffee on the Gastro-Intestinal Tract: A Narrative Review and Literature Update. Nutrients, 2022.

[10] Muftah M et al. – Association of Coffee Intake With Risk of Gastroesophageal Reflux Disease and Complications: A Systematic Review and Meta-Analysis. Clinical and Translational Gastroenterology, 2026.

[11] Reis CEG, Dórea JG, da Costa THM. – Effects of coffee consumption on glucose metabolism: A systematic review of clinical trials. Journal of Traditional and Complementary Medicine, 2019.

[12] Paiva C et al. – Consumption of coffee or caffeine and serum concentration of inflammatory markers: A systematic review. Critical Reviews in Food Science and Nutrition, 2019.

[13] Choi S, Je Y. – Coffee consumption and C-reactive protein levels: A systematic review and meta-analysis. Nutrition, Metabolism and Cardiovascular Diseases, 2024.

[14] Morck TA, Lynch SR, Cook JD. – Inhibition of food iron absorption by coffee. American Journal of Clinical Nutrition, 1983.

[15] Lai YW, Huang SM. – Tea consumption affects the absorption of levothyroxine. Frontiers in Endocrinology, 2022.

[16] Meredith SE et al. – Caffeine Use Disorder: A Comprehensive Review and Research Agenda. Journal of Caffeine Research, 2013.

[17] Ain KB et al. – Thyroid hormone levels affected by time of blood sampling in thyroxine-treated patients. Thyroid, 1993.

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