Wie Schilddrüsenhormone im Körper wirken

Bei aller Diskussion und Erläuterungen zum Thema Schilddrüse und ihren Hormonen, ist auch die Frage angebracht, wie diese Hormone überhaupt wirken. Was ist der Unterschied zwischen adäquater und suboptimaler Versorgung mit Schilddrüsenhormonen?

Nun muss man zunächst ein bisschen vorsichtig bei der Beantwortung dieser Frage sein, denn Menschen mit sehr hohen bzw. zu hohen Werten, werden antworten: „… nicht gut!“. Diese Menschen werden sicher oft von innerer Unruhe, Dauerstress und krankhafter Gewichtsabnahme geplagt sein, um mal ein paar Symptome genannt zu haben.

Wie das Gegenteil davon aussieht, beschreibt ein Liedermacher namens Funny van Dannen mit seinem Lied „Schilddrüsenunterfunktion“. Zusammengefasst: Stimmen die Schilddrüsen-Werte nicht, verhalten wir uns anomal und sonderbar. Das Leben wird für uns zum Rätsel – und wir zum Rätsel für das Leben.

Denn abstrakt betrachtet ist klar, dass ein Löwe nicht über das Leben philosophieren oder nachdenken muss. Er muss nicht wissen, wie Dinge funktionieren, sie funktionieren einfach. Man könnte es auch so ausdrücken: Lebewesen werden vom Leben bzw. vom Körper durchs Leben getragen.

Genau genommen ist die Qualität unseres Lebens daher eine Funktion der Wirkung unserer Hormone. Alles, was wir von der Kindheit bis ins späte Erwachsenenalter erleben, ist ein Schauspiel unserer Hormone – es ist jedenfalls dann ein Schauspiel, wenn wir adäquat mit ebendiesen Hormonen versorgt sind.

Schilddrüsenhormone beeinflussen die Regulation unserer Gene

Schilddrüsenhormone sind in dieser Hinsicht besonders. Diese uralten Hormone haben – wie nur wenige andere Hormone – einen eigenen Hormonrezeptor, der mit unserer Erbinformation, der DNA, wechselwirken kann. Auf diese Weise beeinflussen Schilddrüsenhormone direkt die Regulation unserer Gene, und zwar schon in der Embryonalentwicklung.

Doch das ist nicht alles. Schilddrüsenhormone stehen bildlich gesprochen über vielen anderen Hormonen. Eine Unterfunktion legt zum Beispiel andere Hormonachsen lahm, dazu zählt die Achse um unsere Geschlechtshormone oder die Achse um unsere Wachstumshormone. Darüber hinaus verschlechtert der Mangel die Wirkung von Insulin. Denn auch hier gilt, dass ein Hormon nur im Wirkgeflecht anderer Hormone sein vollstes Potenzial entfalten kann. 

Übersetzt kann die Wirkung der Schilddrüsenhormone unterm Strich bedeuten, dass das Normalisieren von Schilddrüsenwerten dazu führt, dass die Haare wieder wie wild wachsen, die Fingernägel sehr hart werden, sich die Libido zurückmeldet, die Magermasse zunimmt, der Schlaf sich verbessert, die Haut wieder schön wird und der innere Antrieb wiederaufblüht. In der Summe sorgt das schnell dafür, dass das Leben wieder lebenswert ist.

Aus diesem Grund „takten“ uns Schilddrüsenhormone, und sorgen dafür, dass wir ein Teil eines funktionierenden Großen und Ganzen sind, im Wirkgefüge des Systems „Leben“ normal funktionieren – eben wie ein Löwe, der auch einfach lebt.

Schilddrüsenhormone sind essentiell für die Anpassung ans Leben

In einer 2013 erschienen Arbeit von Wissenschaftler Mourouzis und Kollegen, steht als Fazit, dass Schilddrüsenhormone absolut essenziell für die Anpassung ans Leben sind. Sie legten in ihrer Arbeit dar, dass Schilddrüsenhormone eine ganz essentielle Rolle bei der Reparatur nach einer Verletzung in fast jedem Gewebe und Organ spielen.

Dies sei ein Phänomen, das sich speziesübergreifend beobachten ließe, was zudem nahelegt, dass es sich dabei evolutiv betrachtet um einen uralten Mechanismus handeln muss.

Im Körper gibt es konstant einen Wettstreit zwischen Aufbau (Anabolie) und Abbau (Katabolie). In jeder Sekunde des Tages sind wir Ereignissen ausgesetzt, die zur Katabolie führen. Damit ist nicht per se die aus der Sportwissenschaft bekannte Muskelkatabolie gemeint. Jeder Stressor nimmt uns auch immer etwas, wir sind ganz allgemein Abnutzungserscheinungen ausgesetzt.

Bildlich gesprochen kann man sich dies wie eine Mauer vorstellen. Im Alltag verliert die Mauer konstant kleine Steinchen. Es muss etwas geben, das die Steinchen immer wieder an Ort und Stelle setzt – und mehr noch, die Mauer unter bestimmten Umständen sogar verstärkt, dicker, belastbarer macht. Stellen wir uns hierzu kleine Männchen vor, die diese Arbeit für uns verrichten – das ist die Wirkung der Schilddrüsenhormone.

Schilddrüsenhormone sind also die „driving force“ dafür, dass die Mauer Bestand hat, nicht auseinanderfällt und im Idealfall sogar wächst. Der letztere Fall nennt sich in der Biologie Adaptation. Uns ist das in den meisten Fällen in Form von verbesserten Leistungen oder dem dickeren Muskel nach dem Sporttraining bekannt. Der Körper passt sich an.

Doch Vorsicht: Ein Zuviel an Schilddrüsenhormonen sorgt bildlich gesprochen dafür, dass unsere kleinen Arbeiter so schnell arbeiten, dass sie die Mauer kaputtmachen. Deshalb muss darauf geachtet werden, dass genau die richtigen Werte eingestellt sind.

Diese Wirkung lässt sich auch auf biochemischer Ebene beschreiben.

Weshalb ist eine korrekte Schilddrüsenhormoneinstellung so wichtig?

Die Schilddrüse produziert auf Befehl des Gehirns (via TSH) das Hormon Thyroxin, kurz: T4. Dieses T4 zirkuliert im Blut und wird – entgegen der landläufigen Auffassung – nicht hauptsächlich in der Leber, sondern zu 2/3 in Geweben, also z. B. dem Muskel, zu Trijodthyronin, kurz: T3 umgesetzt (Luiza Maia, 2005). T3 ist die Turbo-Version der Schilddrüsenhormone und jene Form, die via Rezeptor mit der DNA wechselwirken kann.

Typ-2-Deiodinase

So gesehen versorgen sich die Gewebe mit der sehr stoffwechselaktiven Hormonform T3 selbst. Für die Umwandlung von T4 in T3 braucht es allerdings ein selenabhängiges Enzym, das sich Typ-2-Deiodase nennt.

Jedes Gewebe verfügt über dieses Enzym und kann bei Bedarf die Enzymmenge anpassen. So bleiben die Gewebe auch bei suboptimalen T4-Werten im Blut häufig noch einigermaßen gut mit T3 versorgt.

In Tierexperimenten hat man diese Typ-2-Deiodiase ausgeschaltet und somit die Umsetzung von T4 in T3 in Zellen blockiert. Lässt man diese Tiere nun „Sport treiben“, bleiben sämtliche Anpassungseffekte weitestgehend aus (vgl. Bocco et al. 2016).

Somit ist alleine durch die Tatsache, dass T3 lokal nicht in ausreichenden Mengen vorhanden ist, kaum eine Anpassung (Adaptation) möglich. Übertragen auf das Mauer-Beispiel von oben: Die Mauer wird trotz Belastung nicht dicker oder fester.

Das ist alles ganz nett zu wissen – die „Königsdisziplin“ der Schilddrüsenhormone, und das, was die meisten Menschen interessiert, ist die Wirkung dieser Hormone auf den Energiestoffwechsel. Gibt man Ratten mit Unterfunktion ein bisschen T3, steigt die Stoffwechselrate um über 40 % (Weitzel et al. 2003) – das ist eine unglaubliche Zahl, die aufzeigt, wie stark Schilddrüsenhormone die Leistung des Energiestoffwechsels beeinflussen.

In der Tat reguliert das aktive Schilddrüsenhormon T3 wie kein anderes Hormon ein Protein mit dem Namen PGC-1alpa. PGC-1alpha ist der Hauptregulator für die Menge unserer Zellkraftwerke, genannt Mitochondrien. Nur dort wird Energie verbraucht.

Der Grund, warum T3 in Tieren mit Schilddrüsenunterfunktion derart stark die Stoffwechselrate erhöhen kann ist, dass T3 die PGC-1alpha-Menge um das 13-fache erhöht. Auf diese Weise schalten Schilddrüsenhormone den Stoffwechselturbo ein. (vgl. Weitzel et al. 2003)


Was können wir selbst tun, damit die Schilddrüse ordentlich funktioniert?

Hier muss man natürlich in Betracht ziehen, dass die Hashimoto-Erkrankung ein wichtiger Faktor ist, den es bei der Umsetzung der folgenden Punkte zu berücksichtigen gilt. Es gilt außerdem, dass die Regulation äußerst komplex ist und von vielen Faktoren abhängt:

Schilddrüsenhormone reagieren beispielsweise auf die Energieverfügbarkeit im Organismus. Ein chronischer Energiemangel provoziert somit einen Abfall der Hormonwerte. Ähnliches gilt für chronische Entzündungen.

Thyroxin-Bildung
  1. Das Hormon T4 wird in der Schilddrüse gebildet. Im Grunde besteht dieses Hormon aus der Aminosäure Tyrosin (Teil von Nahrungsproteinen) und Iod.

    Beide Komponenten müssen in ausreichender Menge zugeführt werden. Iodiertes Speisesalz kann helfen, reicht aber oft nicht aus.

    Vorsicht vor iodhaltigen Algenpräparaten: Diese enthalten nicht selten Schwermetalle, die die Wirkung der Hormone beeinträchtigen.

    Menschen, die an Hashimoto leiden, reduzieren den Iod-Gehalt der Nahrung oft noch. Dieser Ansatz ist fraglich, denn Iod ist nicht nur essentiell wichtig für die Schilddrüse, sondern für viele Körpergewebe. Idealerweise sucht man sich einen Therapeuten, der einen bei dieser Frage auch praktisch unterstützt. In diesem Bereich ist zum Beispiel die Heilpraktikerin Kyra Kauffmann eine Koryphäe, sie hat auch eine große Facebook-Gruppe zum Thema Iod.
  2. Die Typ-2-Deiodase setzt T4 zu T3 um. Es handelt sich dabei um selenabhängige Enzyme. Zudem ist es Teil von antioxidativen Enzymen, die die Schilddrüse schützen, was besonders wichtig bei der Hashimoto-Erkrankung ist. Eine ausreichende Selenzufuhr sollte daher gegeben sein. Wer nicht regelmäßig Fisch oder Paranüsse isst, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit keine guten Selenwerte aufweisen. Ebenfalls ein Ansatzpunkt.
  3. Damit der Schilddrüsenhormonhaushalt stimmt, muss genug Zink im Körper sein. Studien weisen darauf hin, dass die Bildung von T3 zinkabhängig ist (vgl. Nishiyama, 1994). Zudem können Schilddrüsenhormone mit Hilfe ihres Rezeptors nur dank Zink mit der DNA wechselwirken. Oder anders ausgedrückt: Ohne Zink wirken die Hormone nicht. Übrigens: Laut Studien bleibt der Goldstandard der Messung der jeweilige Behandlungserfolg. Mit anderen Worten: Wenn man sich nach zwei Wochen der Zinkeinnahme wie neugeboren fühlt, weiß man Bescheid.
  4. Die T4-Bildung in der Schilddrüse kann durch sogenannte Goitrogene gehemmt werden. Das sind Substanzen, die natürlicherweise vermehrt in bestimmten Pflanzen vorkommen, und die Iod-Aufnahme in die Schilddrüse hemmen. Die meisten dieser Pflanzen stammen aus der Brassicaceae-Familie – dazu zählen beispielsweise Brokkoli, Grünkohl, andere Kohlarten und Senf. Grundsätzlich spielen Goitrogene aber eine untergeordnete Rolle, da wir normalerweise keine allzu großen Mengen davon verzehren.
  5. Das Enzym, das sowohl dafür verantwortlich ist, Iod an die Aminosäure Tyrosin zu hängen, als auch dafür, die Strukturen so zu verknüpfen, dass am Ende T4 entsteht, heißt Thyreoperoxidase, kurz: TPO. Es handelt sich dabei um ein eisenabhängiges Enzym. Heißt: Der Eisenspeicher (Ferritin) sollte angenehm gefüllt sein (80 bis 120 ng/ml). Vorsicht: Zu hohe Ferritin-Werte (> 200 ng/ml) stehen in Verbindung mit entzündlichen Erkrankungen des Körpers (sowohl als Ursache als auch als Wirkung) und Stoffwechselentgleisungen.
  6. Häufig nicht beachtet: L-Carnitin kann im Körper die Wirkung der Schilddrüsenhormone aufheben. Es blockiert in den jeweiligen Geweben den Eintritt von T3 in den Zellkern. Deshalb ist L-Carnitin ein sogenannter peripherer Schilddrüsenhormonantagonist (vgl. Benvenga et al. 2004). Wer mit einer Überfunktion zu kämpfen hat, dem wird die Wirkung höherer L-Carnitin-Mengen (> 1 g pro Tag via Ergänzungsmittel) helfen. Ansonsten sollte L-Carnitin nur in normalen Mengen (100 bis 500 mg pro Tag) über die Nahrung zugeführt werden.
  7. Die Durchblutung scheint ein verlässlicher Marker dafür zu sein, ob der Körper ausreichend mit Schilddrüsenhormonen versorgt ist. T3 stimuliert die Durchblutung, indem es die Ausschüttung von Stickoxid (NO) in den Gefäßen reguliert. NO weitet dabei die Gefäße. Daher ein aktueller Vorschlag von Wissenschaftlern: die Durchblutung bzw. Weitstellung der Arterien als neuer Marker für den Therapieerfolg (Obradovic et al. 2016).

Weiterführendes Wissen im Buch

Wer neben der Wirkung der Schilddrüsenhormone, auch wissen möchte, wie zum Beispiel Insulin wirkt, wie man Insulinresistenz in den Griff bekommt, wie Wachstumshormone funktionieren, was der Energiestoffwechsel überhaupt ist – und was die Evolution damit zu hat, der ist mit dem Buch „Gesundheit optimieren, Leistungsfähigkeit steigern“ bestens bedient. Das Buch ist im Grunde ein verständliches „Handbuch zum eigenen Körper“, vor allem zum eigenen Energiestoffwechsel.

Quellenangaben
Bildquellen:
  • Titelbild: © shidlovski | stock.adobe.com
Textquellen:
  • Benvenga S, Amato A, Calvani M, Trimarachi F (2004) E ects of carnitine on thyroid hormone action. Ann N Y Acad Sci 1033(1):158–167.
  • Bocco B, Louzada R, Silvestre D et al (2016) Thyroid hormone activation by type 2 deiodinase mediates exercise-induced peroxisome proliferator-activated receptor-γ coactivator-1α expression in skele- tal muscle. J Physiol Lond 594(18):5255–5269
  • Luiza Maia, A (2005) Type 2 iodothyronine deiodinase is the major source of plasma T3 in euthyroid humans. Journal of Clinical Investigation, 115(9), pp.2524-2533.
  • Michalk, C. and Böhm, P. (2019). Gesundheit optimieren – Leistungsfähigkeit steigern: Fit mit Biochemie. 1st ed. Springer, Heidelberg.
  • Mourouzis I, Politi E, Pantos C (2013) Thyroid hormone and tissue repair: new tricks for an old hormone? J Thyroid Res 2013:1–5
  • Nishiyama S, Futagoishi-Suginohara Y, Matsukura M et al (1994) Zinc supplementation alters thyroid hormone metabolism in disabled patients with zinc deficiency. J Am Coll Nutr 13(1):62–67.
  • Obradovic M, Gluvic Z, Sudar-Milovanovic E et al (2016) Nitric oxide as a marker for levo-thyroxine therapy in subclinical hypothyroid patients. Curr Vasc Pharmacol 14(3):266–270
  • Weitzel JM, Iwen KAH, Seitz HJ (2003) Regulation of mitochondrial biogenesis by thyroid hormone. Exp Physiol 88(1):121–128

Chris Michalk

ist Biologe und Autor. Im Zuge einer Stoffwechselerkrankung hatte er 2014 den Blog edubily ins Leben gerufen. Dort möchte er den Lesern im Grunde vermitteln, wie der Körper und die eigene Biochemie funktioniert. Mittlerweile hat er fünf Bücher veröffentlicht, darunter auch "Gesundheit optimieren, Leistungsfähigkeit steigern", das 2019 beim Springer-Verlag erschien.
Chris Michalk

Letzte Artikel von Chris Michalk (Alle anzeigen)

Hashimoto-Info.de: 5.0 von 5 Sternen aus 16 Google-Bewertungen